Die Biografie

ZWEITAUSEND

   
Das kribbelt bis in den klitzekleinsten Neurotransmitter. Zig Generationen haben darauf hingezittert, gebibbert, geweltuntergangorakelt. Und wir - lässige Zweitausendfüßler die wir sind - lassen den Champagnerpfropfen ploppen und Schlag null stehen wir mittendrin: Willkommen in der Zukunft. Aber Milchstraße noch mal, sind wir schon zweitausendfähig? Runter vom Sessel, rein ins Netz. Den Astralleib durchs CD-ROM Laufwerk gequetscht und mit 444 Mhz den Datenhighway runtergerauscht. Hallo, Tante Klara, guck mal in den Monitor, hier drin sind wir. Das browsert, Klara, nur wer weiß den Rückweg noch? Escape- Taste vergessen - war nix mit Zweitausendfähigkeit.
Da wiehert ja das Pferdchen, sagt nämliches und stellt sich auf die hohlbeinigen Hinterfüße. Hat genug vom jahrzehntelangen Steinerlei mit nächtlicher Anmalerei. Nimmt die Sache 2000- sofortig und -fähig selbst ins Maul.
  Ein bisschen recken, ein bisschen strecken und knips-knaps knabbert es ab von Billy-the-Gates' world-wide-umspannenden Cyber- Space. Ein Bit, zwei Byte, geben fünfminütlich ein wunderschön neues Kleid.
"Die Kunst ist frei und die Kunstwerke noch dazu", schnaubt das Freiburger Fohlen, cybert sich vier schicke Stiefel an und spact sich in die Straßenbahn.

Und was, wenn die Sache Schule macht? Wenn Mona Lisa genug vom Lächeln hat und - oh, Touristenpein - den Gaffern keck die Zunge bleckt? Wenn David in marmorner Blöße vom Sockel steigt, gestriegelt, gegelt, ausgehbereit? Drück doch endlich mal einer, schnell.

Escape! Escape!

(Tobias Löser)


 
ALLGEMEINE DATEN


Schöpfer: Werner Gürtner (Bildhauer), Überlingen am Bodensee, geboren 1907, gestorben 1991
Standort: Ansel-Feuerbachplatz (Hans-Thoma-Straße, Holbeinstraße)
Eigentümer: Gartenamt Freiburg
Größe: Höhe 1,90m, Länge 1,90m
Gewicht: 1 Tonne
Material: Beton
Anstreicher: unbekannt

BIOGRAPHIE
  • 1936 Verkauf der Pferdeplastik an Privatperson. Weiterverkauf an die Stadt Freiburg (Gartenamt). Pferdeplastik derzeit noch ohne Signatur.

  • In den 50er Jahren bringt Werner Gürtner nachträglich, auf Wunsch des damaligen OB der Stadt Freiburg Herrn Hoffmann, seine Signatur "W.G." an.

  • Im April 1981 wird das Pferd von einer Privatperson restauriert.

  • Im April 1985 wird das Pferd erneut, mit Unterstützung der Firma Rhodia, restauriert. Farbe: hellbraun.

  • Am 24. Juni 1987 kehrt das Pferd (eigentlich ein Fohlen) nach einer weiteren Restaurierung wieder an seinen Platz zurück (Werkstatt Gerhard Hellstern). Farbe: braun

  • Am 29. März 1990 rammt eine 80 Jahre alte Frau die Pferdeplastik mit Ihrem Wagen vom Sockel (siehe Artikel Badische Zeitung).

  • Juni 1995: das leidgeprüfte Betonpferdchen wird Held einer Postkartenserie.

  • September 1995: Photoausstellung in der Buchhandlung Rombach.


 












  • 27. Oktober 1995: Photo-Ausstellung bei der Firma Beschläge Koch.

  • 03. Juli 1996: das Pferdle steht vor Gericht. ?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?!?
    (mündliche Verhandlung beim Amtsgericht in Freiburg, Streitwert DM 10.000,--, Vertreten wird das Pferdle durch Dr. Matthias Schwarz) Die Erbengemeinschaft um Elsa Gürtner (Witwe des Bildhauers) wollte Auskunft über die erzielten Verkaufsumsätze haben. Es galt die Frage zu klären, ob man für kommerzielle Zwecke Photos vom Holbein-Pferd machen darf.

  • 10. Juli 1996: Gerichtsbeschluß: die Klage der Erbengemeinschaft wurde abgewiesen.
    Begründung: Da sich die Skulptur im im öffentlichen Raum befindet, dürfen gemäß §59 UrhG. Lichtbilder angefertigt werden, auch für gewerbliche Zwecke. Einschränkung: die Skulptur darf in Ihrem Erscheinungsbild nicht verändert werden. Dies ist, seitens des Photographen, nicht geschehen. Die Photos spiegeln nur den Istzustand wieder. Die Erbengemeinschaft , vertreten durch Rechtsanwalt Götz von Ohlenhusen, ging in die Berufung.

  • 18.01.1997: Berufungstermin in Mannheim.

  • 14.02.1997: Urteilsverkündung: Der Beklagte ist zur Offenlegung verurteilt worden. Umsatz in Stück: ca. 30.000 Postkarten und 1.200 Kalender. that's all. Danach schwieg auch die Klägerin.
    Die amüsante + turbulente Geschichte um das Chamäleon ging weiter. Es folgten weitere tolle Bemalungen, sowie Postkarten und Kalender.

  • Ein Ende ist bis heute nicht abzusehen.