Kultur Joker

Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge und Fotos aus über drei Jahrzehnten – vom Unfall 1990 über den Urheberrechtsprozess bis heute.


Das kribbelt bis in den klitzekleinsten Neurotransmitter. Zig Generationen haben darauf hingezittert, gebibbert, geweltuntergangorakelt. Und wir – lässige Zweitausendfüßler die wir sind – lassen den Champagnerpfropfen ploppen und Schlag null stehen wir mittendrin: Willkommen in der Zukunft. Aber Milchstraße noch mal, sind wir schon zweitausendfähig? Runter vom Sessel, rein ins Netz. Den Astralleib durchs CD-ROM Laufwerk gequetscht und mit 444 Mhz den Datenhighway runtergerauscht. Hallo, Tante Klara, guck mal in den Monitor, hier drin sind wir. Das browsert, Klara, nur wer weiß den Rückweg noch? Escape-Taste vergessen – war nix mit Zweitausendfähigkeit.
Da wiehert ja das Pferdchen, sagt nämliches und stellt sich auf die hohlbeinigen Hinterfüße. Hat genug vom jahrzehntelangen Steinerlei mit nächtlicher Anmalerei. Nimmt die Sache 2000-sofortig und -fähig selbst ins Maul.
Ein bisschen recken, ein bisschen strecken und knips-knaps knabbert es ab von Billy-the-Gates‘ world-wide-umspannenden Cyber-Space. Ein Bit, zwei Byte, geben fünfminütlich ein wunderschön neues Kleid. „Die Kunst ist frei und die Kunstwerke noch dazu“, schnaubt das Freiburger Fohlen, cybert sich vier schicke Stiefel an und spact sich in die Straßenbahn.
Und was, wenn die Sache Schule macht? Wenn Mona Lisa genug vom Lächeln hat und – oh, Touristenpein – den Gaffern keck die Zunge bleckt? Wenn David in marmorner Blöße vom Sockel steigt, gestriegelt, gegelt, ausgehbereit? Drück doch endlich mal einer, schnell.
Escape! Escape!
Tobias Löser
Glückwunsch, Pferdlein. Von so einer Karriere wie Deiner hat so mancher schon geträumt. Doch kaum einer hat es mit so vornehmer Zurückhaltung, Eleganz und Nonchalance geschafft wie Du. Über Jahre, ja Jahrzehnte hast Du Dich in demonstrativer Gelassenheit geübt – und trotzdem die Freiburger Welt ein Stück weit verändert. Hast gezeigt, wie aus „unerwünschten Umtrieben“ ein Ausdruck von Kreativität und Phantasie, ja sogar ein werbewirksamer Effekt für die badisch-liberale Universitätsstadt werden konnte. Damit bist Du zu einer einzigartigen Berühmtheit geworden.
Vor allem die anfängliche Aufregung, als Dich Deine Verehrer immer öfter mit einem neuen Kleid bedachten, du hast sie weggesteckt – mit versonnen lächelndem Blick. Wahrscheinlich dachtest Du Dir: Euch werd ich schon noch zeigen, was in mir steckt. Dabei war die Empörung groß. Wurden Deine gewagten Outfits noch Anfang der neunziger Jahre (des letzten Jahrhunderts) bedeutungsschwanger als „Beispiel für den Vandalismus und die Aggression in unserer Gesellschaft“ betrachtet. Immer wieder haben wohlmeinende, besorgte Bürger Dir Deine alten Kleider zurückgeben wollen. Doch Deine kreativen Verehrer waren die Zurückhaltung irgendwann leid. Sie trauten sich immer öfter, Deinen und ihren geheimen Wünschen nachzukommen, und ließen sich von Dir beständig aufs Neue zu phantasievollen Schöpfungen anregen. Was für eine stille Freude es Dir wohl bereitet hat, immer unbehelligter in bunten Gewändern auf Deinem Podest zu stehen. Man kann es schon eine kleine Kulturrevolution nennen, was Du, graziles Pferdchen, in stiller Bescheidenheit bewirkt hast.
Und in diesem Jahr feierst Du nun schon Deinen 66. Geburtstag. Ob sich Dein Schöpfer das hätte träumen lassen: Ein so charakterstarkes und durchsetzungsfähiges Wesen geschaffen zu haben. Wie auch immer – auf jeden Fall kannst Du stolz sein auf Deine Vergangenheit und weiterhin, mit erhobenem Haupt und immer ein bisschen auf dem Sprung, gelassen in die Zukunft schauen. Alles Gute dabei und viele einfallsreiche Kreationen für die nächsten 66 Jahre, Du kleiner Revolutionär!
Text „Zarter Revolutionär“: Jens Helmbrecht
Fernsehbeitrag über das Holbein-Pferd: ARD Traumland (1998)
Der Hobbyfotograf Matthias Wolpert reitet weiterhin sein Steckenpferd: Unverdrossen setzt er das „Holbein-Pferdchen“ ins rechte Licht; jene Skulptur an der Holbeinstrasse, von Werner Gürtner 1936 geschaffen, wird regelmäßig nächtens von anonymen Sprühkünstlern mit wechselnd originellem Outfit bedacht. Wolpert, der die Folgen des sprühenden Einfallsreichtums am Pferdchen fotografiert und vermarktet hatte, wurde von Erben des Bildhauers unter Hinweis aufs Urheberrecht verklagt. Wiewohl dem Fotografen die Zahlung eines „Schmerzensgeldes“ droht, hat er nun „eins draufgesattelt“: Erneut präsentiert er einen Kalender mit Bildern des berühmten „Chamäleons in Pferdegestalt“.
R. Leßner
Jahrzehntelang stand ein Fohlen, das der Künstler Werner Gürtner 1936 im Bambi-Look geformt hatte, still und unbeachtet am Freiburger Holbeinplatz. In den 80er Jahren aber wurde es über Nacht zum Kultobjekt: Immer wieder wurde das „Holbein-Pferdle“ von unbekannter Hand mit mehr oder minder originellen Farben, Symbolen und Logos bedacht.
Der kunstinteressierte Freiburger Matthias Wolpert war von dem Pferd mit künstlerischem Anstrich so fasziniert, daß er vor drei Jahren eine Postkartenserie und einen Bildkalender herausgab. Gegen die ungezügelte Vermarktung der Kunst am Pferd wehrten sich die Erben des Bildhauers, doch im bundesweit beachteten Prozeß ums Urheberrecht bekam der Fotograf zunächst recht. Obwohl das Urteil der zweiten Instanz, des Landgerichts Mannheim, noch aussteht, hat der 28jährige Matthias Wolpert eins draufgesattelt: Er gab jetzt ein hübsches Bilderbüchle über „das Chamäleon in Pferdegestalt“ heraus. Dargestellt ist darin auch eine Pferdle-Version, auf der Wolpert offenbar seine eigene Situation ironisch aufs Korn nimmt: Das Fohlen trägt Sträflingskleidung mit der Aufschrift „Angeklagt“.
Fernsehbeitrag über das Holbein-Pferd: 3sat Kulturzeit (1996)
Fernsehbeitrag über das Holbein-Pferd: Deutsche Welle TV (1996)
Urteil im Urheberstreit ums Holbein-Pferdchen: Die zivilrechtliche Klage gegen den Fotografen Matthias Wolpert wies das Freiburger Amtsgericht zurück, er verletzt mit seinen Postkarten und Kalendern vom Holbein-Pferdchen nicht die Urheberrechte des Bildhauers. Die Kosten des Prozesses müssen nun die Kläger, die Erben des Bildhauers Gürtner und die Verwertungsgesellschaft Bild Kunst tragen. Sie hatten mit ihrer Klage erreichen wollen, daß der Freiburger Fotograf seine aus den Pferdchen-Fotos gewonnenen Einkünfte offenlegt.
Nach Ansicht der Kläger verstößt Wolpert mit seinen Postkarten gegen das Urheberrecht. Der Zivilrichter des Freiburger Amtsgerichtes, der den Fall entschied, sieht es anders; Kunst im öffentlichen Raum dürfe fotografiert und vervielfältigt werden. Die Einschränkung, die das Gesetz mache, wenn das Kunstwerk ohne Einwilligung des Künstlers verändert werde, greife nicht: Schließlich sei es nicht der Fotograf, der das Pferdchen anmale. Eine ausführliche Urteilsbegründung wird den Streitparteien erst in den nächsten Tagen vorliegen (wir werden berichten). Ob die Kläger das Urteil hinnehmen oder in Berufung gehen, ist deshalb noch ungewiß. ag
Ein Pferd. Seit 46 Jahren steht es auf einer Wiese im Freiburger Süden und ist Kunst. Und diese Kunst hat sich verändert, seit unbekannte Zeitgenossen, die das Licht des Tages scheuen, das „Holbein-Pferdchen“ immer wieder neu bemalen. Schön bemalen. Mal trägt es die Farben des Sport-Clubs Freiburg, mal mutiert es zum Zebra; mal protestiert es gegen die Atomversuche Frankreichs, mal zeigt es sich im Badeanzug oder verhüllt à la Christo. Nur eines wollte es nie wieder werden: so betongrau, wie es sein Urheber Werner Gürtner 1936 schuf. Nein, es hat, in immer wieder neuem Look, seinen Siegestrab durch eine staunende internationale Öffentlichkeit angetreten, es wurde bekannt wie – pardon – ein bunter Hund. Das ließ die Gürtner-Witwe offensichtlich nicht ruhen. Sie klagte plötzlich ein Urheberrecht ein und wollte an der Vermarktung des Tieres via Kalender und Postkarten partizipieren. Brrrrrr, hätte man ihr gerne zurufen wollen, zügeln Sie sich! Denn Kunst auf der grünen Wiese ist doch öffentliche Kunst und so ein Pferd, wie Juristen sagen, immer auch ein Pferd der Zeitgeschichte. Das darf man vielleicht nicht bemalen, da hat das Auge des Gesetzes ja wirklich ein bißchen weggeguckt. Aber man darf es jedenfalls ablichten, welch neuen Anstrich es sich auch immer gibt, und der Welt von seiner Wandlungsfähigkeit künden. So sah es nun auch ein verständnisvoller Freiburger Amtsrichter und stieß die Witwe vom hohen Roß. Wohlan: Hü und Farbe frei! Man darf gespannt sein, wie das „Holbein-Pferdchen“ auf das Prozesschen reagiert.
Wir sind der Meinung: Es sollte es den Paragraphenreitern mal richtig zeigen.
Fernsehbeitrag über das Holbein-Pferd: SWR Landesschau aktuell (3.7.1996)
Fernsehbeitrag über das Holbein-Pferd: SWR Kultur Südwest (1996)
Kunst und Geld: Provinzposse um eine Pferdeskulptur
FREIBURG. – Der Hauptdarsteller trägt Gefängniskluft, obwohl Freiburgs berühmtestes Fohlen seit rund fünfzehn Jahren eher stilles Medium für Zeitgeistbeflissene denn eigenverantwortlicher Protagonist ist. „Angeklagt!“ verkünden seit kurzem fast marktschreierisch große Lettern auf dem Rücken des Rößleins. Eine Pferdchenskulptur, geschaffen in der Mitte der dreißiger Jahre, muß demnächst vor den Kadi – und droht, dank angelegter Scheuklappen aller Beteiligten, in eine Gerichtsposse zu traben.
Verhandelt wird vor einem Amtsrichter. Es geht um das Urheberrecht – und natürlich um Geld. Wie gesagt, das 1,90 Meter hohe und ebenso breite Betonfüllen in Freiburgs vorzüglicher Wohnrandlage ist dabei nur unschuldiges Objekt der Begierde. Argwöhnisch gegenüber stehen sich andere: die Erbengemeinschaft des 1991 verstorbenen Fohlen-Schöpfers Werner Gürtner und der Freiburger Hobbyphotograph Matthias Wolpert. Seit vergangenem Jahr ist es Wolperts Anliegen, die durch nächtliche Sprüh- und Pinselaktionen Unbekannter sich chamäleonhaft verändernde Plastik zu fotografieren. Aus des Fohlens wundersamem Kleiderwechsel fertigte er siebzehn Postkartenmotive und bis dato einen Kalender. Sein Ziel: Der unaufhaltsame Popularitätsgalopp des verwandlungsfähigen Vierbeiners (mal ist er Zebra, dann Milka-Reklame, einmal Sportclub-Freiburg-Sympathieträger, daraufhin Christo-like verpackt) sollte enge Stadt- und Landesgrenzen sprengen.
Doch bevor die künstlerische Vermarktung des Pferdchens die hohen wirtschaftlichen Hindernisse richtig überwinden konnte, griff die Erbengemeinschaft vom Bodensee in die Zügel. Fotograf Wolpert verletze aufgrund fehlender Zustimmung durch die Nachkommen das Urheberrecht, beklagen die Bildhauerwitwe Elsa Gürtner, deren Tochter und Sohn, sowie die von der Überlinger Familie eingeschaltete Verwertungsgesellschaft Bild und Kunst. Das zu begründen ist freilich alles andere als einfach. Steht die Gürtner-Kreation nicht auf einer öffentlichen Wiese, der Allgemeinheit wie auf dem Präsentierteller zugänglich? Schon, kontern die Kläger. Aber nicht das nacktweiße Original habe Wolpert zu Postkarten und Kalender und damit zu Geld gemacht, sondern unerlaubtermaßen dessen Verfremdung, also die Resultate nächtlicher Bemalung. Bleibt die Frage nach den Rechten jener lichtscheuen Pinselakteure, deren nächtliche Streiche erst für den entsprechenden Bekanntheitsgrad des vordem unauffälligen Betongeschöpfes sorgten. Vielleicht werden die Scherzbolde ja nun ihr Versteck verlassen und ebenfalls Urheberrechte anmelden. Geld, sagt der fotografierende Matthias Wolpert vor allem in Richtung Erbengemeinschaft, sei bei ihm nicht zu holen. Von seinen 3000 Kalendern mit dem Fohlen habe er gerade mal die Hälfte verkauft, an den aufwendig hergestellten Postkarten gleichsam nichts verdient. „Ich bin Null auf Null“, umschreibt er die finanzielle Situation, seinen Idealismus für die kreative Sache beteuernd. Dieser würde allerdings in dem Moment dahinscheiden, wenn es der Erbengemeinschaft gelänge, eine Umsatz-Teilhabe einzuklagen. Ein für Wolpert ganz und gar unverständliches Bestreben, denn gar nicht allzu lange sei es her, daß Elsa Gürtner ihm in ihrem Überlinger Atelier ein begeistertes Okay für seine Photoprojekte gegeben habe – dummerweise per Handschlag, aber vor Zeugen.
Der possenhaft anmutende Streit dürfte zumindest dem Bekanntheitsgrad des Freiburger Pferdchens kaum abträglich sein – im Gegenteil. Über den aktuellen Stand der gerichtlichen Auseinandersetzung wird das jeweils neue Gewand des Fohlens Auskunft geben.
Harald Merz
Die schmucke Pferdchenplastik, die den Platz zwischen der Hans-Thoma-Strasse, der Holbeinstrasse und der Günterstalstrasse ziert, hat schon so manchen Sturm überdauert. Vor Jahren schon war das unschuldige Tier von Unbekannten mit knallroter Farbe überzogen worden, einige Zeit später verwandelten wiederum unbekannte Anstreicher das Pferd in ein Zebra, das in seinem gestreiften Kleid ziemlich unglücklich dreinschaute. Es dauerte geraume Zeit, bis dieses Stadium überwunden war. Am späten Dienstagnachmittag hatte der leidgeprüfte Vierbeiner indessen ein völlig neues Erlebnis. Das Tier, das durch einen Gehweg und durch ein großes Rasenstück von der Fahrbahn getrennt ist, wurde von einer Autofahrerin gerammt und vom Sockel gestoßen. Die 80 Jahre alte Wagenlenkerin hatte nach Darstellung der Polizei vor lauter Schreck allzu heftig das Gaspedal bedient, nachdem sie in der Holbeinstrasse beim Einparken ein Fahrzeug gestreift hatte. Erst im angrenzenden Gebüsch war das Auto schließlich zum Stehen gekommen.